Pädagogen im Internet: Bildung schützt vor Bosheit nicht! [Kommentar]

Ich habe mal wieder Post bekommen. Mich hat eine E-Mail erreicht – als Antwort auf meinen Blog-Newsletter. Keine Anrede, kein Name als Signatur. Einfach nur der folgende Inhalt:

"Bist du nicht die Pfeife, die Leute bei Facebook blockiert, die anderer Meinung sind als du???

😂😂😂😂😂😂😂😂😂😂

Von meinem iPhone gesendet"

Immerhin hat Outlook mir den Absender der E-Mail angezeigt. Überrascht war ich nicht: Hinter der Nachricht steckt ein im Bildungsbereich bekannter Apple-Fan, der offenbar auch als Trainer an Schulen aktiv ist. Ich kenne ihn nicht persönlich. Seine E-Mail an mich hat einen aktuellen Hintergrund:

B. ist unzufrieden mit meinem aktuellen Blog-Beitrag über 👉🏻 Tablets für Lehrer. Zuvor hat er mich schon persönlich und öffentlich bei Facebook angegriffen. Sein Vorwurf: Meine Gegenüberstellung von iPad und Surface sei nicht objektiv. Meine Einschätzungen der Geräte seien „wischiwaschi“, „blanker Unsinn“ und ein „WITZ“. Außerdem sei ich „nicht professionell“, sondern „scheinheilig“ und ein „armer armer Kerl“, der „keine Ahnung“ hätte und „albernes Theater“ aufführe. Seine persönlichen Angriffe müsse ich aushalten, und ich solle nicht auf die „mimimi-Tränendrüse“ drücken.

Ist der Ruf erst ruiniert …

Selbstverständlich darf B. meinen Blog-Artikel doof finden und kritisieren. Als Apple Professional Learning Specialist – wie er sich selbst nennt – muss er das vielleicht sogar. Es ist auch allein seine Entscheidung, wie und in welcher Form er sich öffentlich über mich äußert. Ich bin ja davon überzeugt, dass schlechter Stil am Ende immer auf die Person selbst zurückfällt.

Mittlerweile haben mir einige Mitleser*innen geschrieben, dass der „Kollege“ im Internet wohl schon häufiger negativ aufgefallen ist – auch ihnen gegenüber. Jeder ist eben selbst für seinen Ruf verantwortlich.

Mir geht es in diesem Beitrag aber um etwas anderes. Dass der Tonfall im Internet seit einigen Jahren rauer wird, hat sich längst herumgesprochen. Schon vor einem Jahr habe ich 👉🏻 hier im Blog über bösartige und gehässige Diskussionen auf den Online-Plattformen geschrieben. Danach wurde ich u. a. als „korrupter Werbe-Heini ohne Grundsätze“ beschimpft, nur weil ich mich als unabhängiger Autor und Medientrainer auf Anleitungen und Fortbildungen für Microsoft-Software spezialisiert habe. Man gewöhnt sich dran.

Als gelernter Journalist bin ich harten Umgang in der Sache gewohnt. Als früherer 👉🏻 Chefredakteur bei NRWision bin ich mehrfach an die Grenzen der Meinungsfreiheit gestoßen. Ich habe mich im Internet auch schon zu leidenschaftliche Diskussionen mit diversen Ideologen hinreißen lassen, u. a. mit Querdenkern und Impfgegnern, mit Rassisten und Frauenhassern, mit Hardcore-Katholiken und Gendersternchen-Gegnern. Selten sind wir am Ende einer Meinung gewesen. Also alles erwartungsgemäß.

Was ist bloß mit (manchen) Lehrer*innen los?

Mich erschreckt aktuell aber, wie stark dieser ruppige Umgang miteinander auch im Bildungsbereich zunimmt: Ich beobachte Neid und Missgunst in den entsprechenden Facebook-Gruppen. Ich lese abfällige, teils boshafte Kommentare in Bildungsforen. Ich höre von regelrechten Feindschaften im Twitter-Lehrerzimmer. Unter Lehrkräften! Unter Pädagogen! Unter echten oder selbst ernannten Bildungs-Experten!

Wie aggressiv manche Kolleg*innen für ihre Überzeugungen kämpfen, mag man teilweise kaum glauben. Ihre Hemmschwelle, andere zu beschimpfen oder bewusst öffentlich zu diskreditieren, scheint immer tiefer zu sinken. Bildung schützt vor Bosheit nicht!

Da glauben einige Lehrende wirklich, die einzig wahre Meinung für sich gepachtet zu haben. Ihre angebliche Legitimation: Meist nur ein paar mehr Berufsjahre, irgendein akademischer Grad oder schlicht mehr Follower bei Insta-Twitter-TikTok-Book.

Ich hätte mal eine Strichliste führen sollen, wie oft ich schon persönlich angegangen oder beleidigt wurde, weil ich über Windows statt Linux und über Microsoft Office statt Libre Office schreibe – und das ist offenbar nur einer von vielen „Religionskriegen“, die im Online-Lehrerzimmer ausgetragen werden.

Andere engagierte Lehrer*innen werden noch viel heftiger und in schöner Regelmäßigkeit gedisst und gemobbt. Wer im Netz einfach nur von einer lustigen Alltagserfahrung im Klassenzimmer berichtet, kann sich schnell am Pädagogen-Pranger wiederfinden und bekommt öffentlich die Eignung für den Lehrerberuf abgesprochen.

Offenbar ist das nicht nur mein Eindruck, wie ich aus einigen Gesprächen weiß. Zuletzt hat der sehr geschätzte Blogger-Kollege Bob Blume die 🌍 Toxische Netzkultur im Bildungsbereich thematisiert. Bob Blume ist engagierter Lehrer, ebenfalls Autor und in den Sozialen Netzwerken sehr präsent – dabei oft meinungsstark und immer grundsympathisch.

Gegenwind, der Spuren hinterlässt

Als Journalist ist mir natürlich bewusst, wie die Medienwelt auch online funktioniert: Wer den Kopf aus dem fahrenden Auto streckt, muss mit Gegenwind rechnen! Soll heißen: Wer seine Meinung öffentlich äußert, damit auch noch erfolgreich ist und eine gewisse Reichweite hat, wird für andere eben schnell zur Reizfigur.

Davon kann vermutlich so ziemlich jeder Politiker und jeder Promi mehrere Liederbücher durchsingen. Was zudem ein Problem ist: Zynische Kritiker und boshafte Hetzer wirken meist lauter als die Vielzahl gemäßigter Kolleg*innen, die anderen ihre Erfolge einfach mal von Herzen gönnen können.

Ja, Lehrer*innen agieren im Internet meist privat. Trotzdem äußern sie sich oft mit vollem Namen und erkennbar als Lehrkraft. Dabei hinterlassen sie teilweise Spuren im Netz, bei denen andere Arbeitgeber längst eingegriffen hätten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass den Betroffenen die Wirkung ihrer öffentlichen Statements gar nicht bewusst ist.

Ist das der Umgang, für den diese Lehrkräfte stehen möchten? Wollen sie wirklich dieses Bild von sich vermitteln? Oder liegt’s einfach an fehlender Selbstwahrnehmung oder gar mangelnder Medienkompetenz? Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass diese Pädagogen sich auch im persönlichen Austausch von Angesicht zu Angesicht so äußern würden wie hier im Internet. Ich hoffe es.

Erklärungsversuche? Es bleibt müßig …

Leider neige ich dazu, immer irgendwelche Erklärungen für solche Phänomene finden zu wollen. Ist die Belastung im Job gerade so hoch, dass die Kolleg*innen dünnhäutiger sind und gereizter reagieren? Sind die Zeiten zwischen Pandemie, Kriegstreiben und Klimakrise gerade so emotional herausfordernd, dass manche dieses Ventil aus Zynismus und Sarkasmus brauchen? Oder muss man einfach hinnehmen, dass das Internet öffentliches Lästern über andere sichtbarer und damit salonfähig macht – eben auch unter Lehrenden?

Nein, ich will das nicht hinnehmen. In den vergangenen Jahren habe ich mich mehrfach beruflich mit Hate Speech im Internet auseinandergesetzt. Ich weiß, was anonyme Kommentare und Cybermobbing mit Menschen machen können. Das soll nicht „mein Internet“ sein. Wir alle prägen die Diskussionskultur im Netz. So konservativ das klingt: Ich finde, dass wir im Bildungsbereich auch Vorbilder sein sollten!

Bedenklich wird’s vor allem, wenn sich weniger selbstbewusste Kolleg*innen irgendwann gar nicht mehr trauen, sich an öffentlichen Diskussionen bei Facebook, Twitter & Co. zu beteiligen. Wir würden die Deutungshoheit komplett den (ausdrücklich wenigen!) überheblichen Störenfrieden überlassen – so wie es in manchen Kommentarspalten von Online-Medien längst der Fall ist. Wollen wir wirklich auf den wertvollen Input der Leiseren verzichten, so wie es in manchen Schulklassen passiert?

Das heißt nicht, dass wir uns alle lieb haben müssen. Auf der Suche nach den besten Lösungen sollten wir uns weiter reiben. Das Talkshow-Motto „hart aber fair“ finde ich dabei auch für Lehrer und Pädagogen im Internet gar nicht so verkehrt. Es wäre m. E. schon ein guter Anfang, den ersten Impuls zu unterdrücken und andere Meinungen nicht ständig zu bewerten oder abzuwerten, sondern einfach sachlich mit eigenen Argumenten und Sichtweisen zu kontern.

Ich würde mir übrigens auch wünschen, dass die stillen Mitleser öfter mal vermittelnd einspringen, wenn sich jemand derbe im Ton vergreift … oder wünsche ich mir damit zu viel?

Was mache ich jetzt mit B.?

Nach seinen persönlichen Angriffen und Beleidigungen habe ich B. bei Facebook geblockt und aus meinem Newsletter-Verteiler entfernt. Früher hätte ich das nicht gemacht, weil es unhöflich fand und nicht den Eindruck erwecken wollte, mich einer kritischen Diskussion zu entziehen.

Mittlerweile sehe ich das anders: Diese Art von Austausch ist destruktiv und bringt mich inhaltlich nicht weiter. Ich möchte meine begrenzte Lebenszeit nicht mehr mit fremden Stänkerern verschwenden, die eh nur ihre eigene Meinung gelten lassen und ihr Selbstwertgefühl daraus ziehen, andere abzuwerten und zu diskreditieren. Das musste mir übrigens erst ein lieber Blogger-Freund raten, der mich bei meiner reflexartigen Aufregung gut erden kann … 😏

Am selben Tag hat mir B. übrigens nochmal per E-Mail geantwortet:

"Haha ... Ich hab noch nicht mal angefangen dich persönlich zu beleidigen ... Fakten Fakten Fakten ... 😂

Ich bin auf so Leute wie dich nicht angewiesen ... nur leider kannst du jetzt deinen Schwachsinn verbreiten, ohne dass ich es sofort kommentieren kann ... Haha …"

Die obligatorische Klarstellung

Für Apple-B. und alle anderen Hater stelle ich es hier gerne nochmal klar – auch damit ich ihnen in Zukunft einfach diesen Blog-Artikel schicken kann:

  • Mir persönlich ist völlig egal, ob Ihr in der Schule lieber mit iPads oder Surface-Tablets arbeitet. Beide Geräte haben aus meiner Sicht 👉🏻 Vorteile und Nachteile. Das ist meine ganz subjektive Einschätzung.
  • Mir ist völlig egal, ob Ihr mit Windows und Microsoft Office oder mit Linux und LibreOffice arbeitet. Ich habe mich für die Software-Welt von Microsoft entschieden, weil ich meine Aufgaben als Dozent und Autor damit am besten erfüllen kann. Meine schon oft geäußerte Meinung: Jeder sollte die verschiedenen Tools kennen und diejenigen nutzen, die ihm das Leben am leichtesten machen.
  • Als Autor und Journalist schreibe ich unabhängig. Microsoft und andere Firmen nehmen grundsätzlich keinen Einfluss auf meine Bücher und Blog-Artikel. Wenn ich eine bezahlte Kooperation eingehe, um meine Arbeit zu finanzieren, sind die Inhalte entsprechend gekennzeichnet. Diese Transparenz ist mir wichtig – und rechtlich erforderlich!

Das Problem der lauten Minderheit

Weiterhin freue ich mich über andere Sichtweisen und kontroverse Meinungen, die meinen Blick weiten und meine Inhalte besser machen. Im Austausch mit meiner 🌍 Lehrer-Community konnte ich schon zahlreiche Anregungen für diesen Blog gewinnen. Auch im oben erwähnten „Twitter-Lehrerzimmer“ findet man viele wertvolle Impulse für Schule und Unterricht.

Glücklicherweise sind die lauten Polterer unter den Pädagogen eine Minderheit. Das sollten wir niemals vergessen, und auch dafür bin ich sehr dankbar!

Wie nimmst Du den Umgang unter Lehrer*innen im Internet wahr? Bist Du selbst schon mal auf fiese Anfeindungen gestoßen? Was macht die ruppige Diskussionskultur im Web mit Dir? Ich bin gespannt auf Deine persönliche Meinung – gerne als Kommentar unter diesem Blog-Artikel.

5 Gedanken zu „Pädagogen im Internet: Bildung schützt vor Bosheit nicht! [Kommentar]“

  1. Hallo! Ich habe exakt die gleichen Erfahrungen gemacht. Vermutlich bin ich schon dem gleichen Pöbler begegnet, denn die Wortwahl kommt mir bekannt vor. Ich bin immer etwas verwundert, wie unkritisch oft die Apple Welt angenommen wird von vielen Usern in der Lehrerwelt und wie gerne Microsoft Bashing betrieben wird. Ich hinterfrage das gerne und bin so angefeindet worden, dass ich inzwischen aus vielen Lehrer Foren rausgegangen bin. Ein konstruktiver Austausch ist oft leider nicht möglich. Ich sehe das bei LehrerInnen genauso wie Sie. Gerade diese Zielgruppe sollte eigentlich in der Lage sein anders zu diskutieren. Aber mit jedem Arbeitsjahr in diesem Beruf lerne ich, dass soziale Kompetenzen und vor allem digitale Kompetenzen oft nicht notwendigerweise als Teil des Berufes verstanden werden. Da gibt es sehr viel Ideologie und wenig praktische Erfahrungen. Sehr schade! Ich lese Ihren Blog sehr gerne und habe auch schon einiges gelernt. Vielen herzlichen Dank!

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  2. Guten Morgen,
    ich bin auch eine von den Stillen. Dein Artikel hat mich betroffen gemacht. Ich höre meistens auf, der Diskussion zu folgen, wenn sie zu sehr im Niveau abrutscht. Von nun an, werde ich das nicht mehr kommentarlos machen.
    Liebe Grüße von Svenja

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  3. Du schreibst mir aus dem Herz. Lese regelmässig, mach mir meine Gedanken und kommentiere selten. Dafür suche ich eher den persönlichen Austausch im Kollegium. Bleib agil!!!

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  4. Meinen ersten echten Shitstorm, wo Morddrohungen noch das „Freundlichste“ waren, habe ich 2015 oder so abbekommen…

    Auch wenn mich die Hintergründe und Mechanismen mehr „faszinierten“ , als die eigentlichen Beleidigungen, ist klar: Es macht was mit einen, das steht fest.

    Ich wünsche das niemanden…

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  5. Guten Morgen,
    dein Artikel spricht mir aus dem Herzen! Voll und ganz – als Mensch und auch als Lehrerin.
    Lästern kann gesunde gesunde Psychohygiene sein – ist es aber nicht mehr, wenn es mit Kolleg*innen über andere Mitkolleg*innen geht, wenn es vor oder noch schlimmer mit Schülern passiert und auch schon gar nicht, wenn es im Netz „verewigt“ wird. Beleidigung in jeder Form ist inakzeptabel – inakzeptabel und inakzeptabel. Punkt.
    Da ich mich seltenst in Foren herumklicke und auch social media nur gezielt nutze, kriege ich das nicht sooo sehr mit. Und das wird auch so bleiben. Das Internet ist für mich eine so unfassbar tolle Hilfe, um Informationen zu finden – in Diskussion gehe ich dort nicht mehr. Das mache ich lieber Aug‘ in Aug‘, persönlich und ohne, dass „die Welt“ meine Meinung kennen muss. Dies ist meine Konsequenz aus meinen ersten ich-beteilige-mich-an-Diskussionen-im-Internet-Erlebnissen irgendwann in den 90igern mit 56k-Modem (😅). Damit bin ich heute Teil der grossen, stillen Minderheit. Deinen Wunsch nach mehr positiver Beteiligung kann ich sehr gut nachvollziehen, aber ehrlich: vermutlich werde ich weiter still deinen Blog aufrufen, wann immer ich Hilfe um Onenote & Co brauche und mich seltenst zum Kommentieren hinreissen lassen. Und Dich, den Blog und auch die Bücher weiterempfehlen, wo immer es passt.
    Vielleicht ein kleiner Trost.
    Blockiere die missgünstigen Geister und halte weiter durch!
    Schönen Sonntag!
    Daniela

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