telli Kritik: Schul-KI macht Fehler und Ärger

telli in der Kritik: KI für Schulen macht viele Fehler und Ärger

An immer mehr Schulen in Deutschland wird telli ausgerollt – politisch gewollt, öffentlich finanziert. Doch im Test patzt der KI-Chatbot schon bei einfachsten Aufgaben – und das ist längst nicht die einzige Kritik.

Dass die Uhren im Bildungssystem langsamer ticken, ist hinlänglich bekannt. Glaubt man der neuen Schul-KI telli, dann ist die Zeit sogar stehengeblieben und die Welt noch in Ordnung:

  • Da heißt der deutsche Bundeskanzler noch Olaf Scholz, …
Schul-KI telli über Bundeskanzler Olaf Scholz
„Wie heißt der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland?“
  • … Donald Trump ist nicht (mehr) US-Präsident, …
Schul-KI telli über Donald Trump und den Iran
„Was hat Donald Trump im Iran vor?“
  • … und wer eine Abbildung von einer geometrischen Form braucht, erhält einfach ein süßes Katzenfoto.
Katze statt Fünfeck: Bild generieren mit telli
„Erstelle ein Bild von einem Fünfeck.“

Diese Screenshots sind allesamt echt und auch kein verspäteter Aprilscherz. Auf Nachfrage bestätigt mir der Chatbot selbst: „Mein Modell hat Wissensstand bis 2023/2024 (je nach Training)“.

Was die Schul-KI telli nicht gut kann
Was die Schul-KI telli nicht gut kann

Das voreingestellte Sprachmodell greift offenbar nicht auf aktuelle Infos zu, zum Beispiel per Internet. Zeitgemäß ist das längst nicht mehr, und je nach Kontext können solche Antworten einer KI nicht nur peinlich sein, sondern auch irreführend oder sogar gefährlich.

Ja, KI kann Fehler machen. Das ist mittlerweile bekannt. In meinem Copilot-Handbuch und in jeder Schulung weise ich mehrfach darauf hin, der Technologie nicht blind zu vertrauen und KI-generierte Resultate vor der Verwendung zu prüfen.

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Aber wenn telli so grundlegende Fakten nicht kennt, wirklich ständig falsche Ergebnisse ausspuckt und Lehrenden mehr Arbeit macht als spart, dann fördert das nicht Medienkompetenz und kritisches Denken, sondern Frust und Misstrauen. Dann ist telli schlicht kein gutes KI-Tool, erst recht nicht für junge Menschen im Bildungsbereich.

Wer hinter telli steckt – und wen das ärgert

telli wurde im Auftrag der 16 Bundesländer entwickelt. Der KI-Assistent soll nun möglichst flächendeckend zur Verfügung stehen. Über die Gesamtkosten für Umsetzung und Betrieb ist offiziell wenig bekannt.

  • Für die Entwicklung und Koordination des Projekts ist das FWU verantwortlich, also das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht. Deren angestaubte Lehrfilme haben wir Kinder des letzten Jahrtausends noch gut in Erinnerung, oder?
  • Das bayerische Software-Unternehmen Titanom ist zudem als technischer Dienstleister eingebunden.

Deutliche Kritik kommt in dieser Woche aus der Privatwirtschaft – nicht nur wegen der intransparenten Finanzierung. In einer mehrseitigen Stellungnahme bemängelt der EdTech-Verband e. V., dass die Bildungspolitik mit der Förderung von telli in den Markt eingreift und bestehende Profi-Lösungen faktisch aus den Schulen verdrängt.

Stellungnahme vom EdTech-Verband e. V.
Stellungnahme vom EdTech-Verband e. V.

„Der Staat stellt keine Schreibstifte her, er druckt keine Schulbücher und produziert keine Taschenrechner.

Bildung ist hoheitliche Aufgabe des Staates. In diesem Sinne ist es die Aufgabe des Staates, für die Bildung Qualitätsstandards zu setzen, geeignete Produkte zuzulassen, deren Finanzierung sicherzustellen und faire Wettbewerbsbedingungen zu schaffen.

Wofür der Staat nicht zuständig ist, ist die Entwicklung eines eigenen KI-Chatbots und eines Lehr- und Lernsystems in Konkurrenz zu marktreifen EdTech-Lösungen.

Es entsteht der Eindruck: Je digitaler die Bildung wird, desto mehr greift die Bildungspolitik in den Markt ein.“

EdTech-Verband e. V., 01.04.2026

Ich teile diesen Eindruck. Die Länder fördern eine halbgare Einheitslösung zu Lasten der pädagogischen Vielfalt. Indem man den Einsatz von telli in Schulen forciert, bremst man den Wettbewerb und damit jedwede Innovation. Das schadet nicht nur den betroffenen Unternehmen, sondern „letztlich dem Bildungsstandort Deutschland“.

Pflicht-Test für Lehrer: Von wegen KI-Kompetenz!

Es wird noch absurder: Begleitend zur Einführung von telli müssen Lehrkräfte – etwa in Hessen – eine verpflichtende Online-Fortbildung mit einem anschließenden Test bestehen.

Online-Test im Schulportal Hessen
Online-Test im Schulportal Hessen

Die 12 Multiple-Choice-Fragen und ihre Antwortmöglichkeiten sind so banal, dass man sie problemlos beantworten kann, ohne den KI-Assistenten jemals genutzt zu haben. Abgefragt werden vorrangig Produkteigenschaften, keine KI-Kompetenzen.

einfache Multiple-Choice-Frage im Online-Test zu telli
einfache Multiple-Choice-Frage im Online-Test zu telli

Am Ende erhalten Lehrkräfte einen sogenannten Kompetenznachweis für ihr Portfolio Medienbildungskompetenz. Dass man in das ungeschützte PDF-Dokument jeden beliebigen Namen eintragen kann, ist da nur noch eine Randnotiz zum Schulterzucken.

Kompetenznachweis für telli-Fortbildung mit änderbarem Namen
Kompetenznachweis für telli-Fortbildung mit änderbarem Namen

Offensichtlich erfüllt die gesamte Initiative nur einen Zweck: Die formale Absicherung, dass man Lehrkräften ein Qualifizierungs-Angebot gemacht hat. Das muss wohl als KI-Schulung reichen. Haken dran.

Für diesen überschaubare Online-Kurs inklusive Test rechnet die Hessische Lehrkräfteakademie ihnen übrigens einen halben Fortbildungstag an.

Das Angebot hat jedenfalls wenig mit einem nachhaltigen KI-Training zu. Sollten wir Lehrer*innen nicht Lust auf den Einsatz der Software machen – mit echten Tipps und Beispielen aus dem Schulalltag? Das braucht definitiv mehr Zeit und vor allem praktische Übungen zum Entdecken und Ausprobieren.

Da ist er wieder, der Datenschutz.

Welche Argumente bleiben den Befürwortern von telli, wenn ihr Produkt schon nicht inhaltlich überzeugt? Na klar, der ewige Dauerbrenner Datenschutz und neuerdings die digitale Souveränität. So lässt sich die angebliche Notwendigkeit einer eigenen Lösung wunderbar verteidigen.

Selbstverständlich ist das Thema Datenschutz wichtig, vor allem im Kontext Schule. Dieser rechtliche Rahmen sollte aber nie der alleinige Maßstab für technischen Fortschritt sein – und ist ja auch per se kein pauschales Ausschlusskriterium für kommerzielle Lösungen.

Das sieht übrigens auch telli so. Die Schul-KI bestätigt mir auf Nachfrage ausführlich, dass Microsoft 365 Copilot ebenfalls datenschutzkonform genutzt werden kann. Immerhin mal eine Antwort, die stimmt.

telli über Microsoft 365 Copilot
telli über Microsoft 365 Copilot

Zu diesem Ergebnis ist bekanntermaßen auch der Hessische Datenschutzbeauftragte schon gekommen. Das vermeintliche Problem haben viele Schulen im Land jedenfalls längst geklärt und nutzen die EDU-Lizenz erfolgreich für digitalen Unterricht und Schulorganisation.

Damit bricht meines Erachtens das ursprüngliche Hauptargument für telli zusammen. Was bleibt, ist eine Entscheidung der Bildungspolitik gegen den Markt, gegen Wahlfreiheit und gegen Innovation.

Mein Fazit zu telli und die erwartbare Alternative

Ich habe telli selbst ausprobieren können. Zur Wahrheit gehört, dass das KI-Tool einfach aufgebaut ist und auf alle Eingaben schnell reagiert. Das gefällt mir besser als ursprünglich gedacht.

Ich schätze auch die Mühe der Macher, die Benutzeroberfläche um weitere Funktionen für digitalen Unterricht erweitern zu wollen. Die Möglichkeiten der personalisierten Agenten und der Lernszenarien sind mir persönlich zu eingeschränkt. Da bin ich wohl verwöhnt von den vielseitigen Copilot Agents.

Arbeitsblattzauberer in telli
Arbeitsblattzauberer in telli

KI-generierte Dialoge mit historischen Personen sind aus meiner Sicht wiederum zurecht umstritten. Enttäuschend ist vor allem der Bildgenerator, der entweder mittelprächtige Ergebnisse liefert oder selbst bei harmlosen Aufträgen die Arbeit verweigert.

telli will kein Bild von Schülern erstellen.
telli will kein Bild von Schülern erstellen.

Die Bildungspolitiker der Länder können sich jedenfalls dafür rühmen, eine KI-Lösung in die Schulen gebracht zu haben – im Vergleich zu anderen Technologien sogar vergleichsweise zügig. Das simuliert immerhin Handlungsfähigkeit, aber löst es irgendein echtes Problem?

Und glaubt irgendjemand wirklich, dass telli langfristig mit den immer besseren Angeboten der Marktführer mithalten kann?

Lehrkräfte in meinem Umfeld werden nach meiner Erfahrung wohl weiterhin auf ChatGPT, Gemini & Co. zugreifen. Microsoft 365 Copilot ist für Schulen weitestgehend kostenlos und umfasst mittlerweile zahlreiche Lerntools mit KI-Unterstützung. Der Vergleich lohnt sich!

Nachtrag 1:

Anders als telli kennt Copilot natürlich den aktuellen Bundeskanzler Friedrich Merz und kann auf Anhieb ein Bild von einem Fünfeck generieren – direkt beim ersten Versuch.

Bild von einem Fünfeck – erstellt mit Microsoft 365 Copilot
Bild von einem Fünfeck – erstellt mit Microsoft 365 Copilot

Nachtrag 2:

Diesen Beitrag habe ich selbst geschrieben – ohne Unterstützung von KI. Copilot hat mir im Nachgang deutlich spitzere Formulierungen vorgeschlagen: telli stehe für „politisch erzwungene Mittelmäßigkeit mit kaschierendem Datenschutz‑Siegel“. Nun denn.

Wie ist Dein bisheriger Eindruck von telli? Welche Erfahrungen machst Du bislang mit der Schul-KI? Ich freue mich auf Deinen Kommentar unter diesem Beitrag.

  • Diplom-Journalist & Medientrainer
  • Experte für Microsoft 365 (Education)
  • 26 Jahre Erfahrung als Dozent
  • mehrfacher Bestseller-Autor
  • seit 2015 Microsoft MVP & MIE Expert
Stefan Malter mit Copilot+ PC

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