Reaktion von Microsoft: Schwerpunkt auf KI statt Bildung?

Spielt der Bildungsbereich für Microsoft überhaupt noch eine Rolle? Dazu hat sich Cornelia Schneider-Pungs jetzt auf der didacta in Köln geäußert. Ganz allein vertritt sie auf der Bildungsmesse das radikal verschlankte EDU-Team von Microsoft Deutschland.

Ihre eigentliche Mission vor Ort: Sie will Lehrkräften den KI-Assistenten Copilot vorstellen. Als Moderator habe ich ihren Vortrag am Stand von AixConcept begleitet und Cornelia Schneider-Pungs mit der anhaltenden Verunsicherung in der Lehrer-Community konfrontiert. Ihre von vielen ersehnte Antwort gebe ich in diesem Beitrag wieder.

Verärgerte Aussteller, gestrichene Gelder

Die fetten Jahre sind offenbar vorbei – zumindest im Bereich Bildung. Microsoft leistet sich längst keinen eigenen Messestand mehr auf der didacta, die immerhin noch als Europas größte Bildungsmesse gilt.

Stattdessen muss Cornelia Schneider-Pungs die Fahne hier komplett allein hochhalten. An den Ständen treuer Partnerfirmen wirbt sie für KI-Software in Schulen. Gleichzeitig muss sie dort gerade um Verständnis und Vertrauen kämpfen.

Cornelia Schneider-Pungs, Microsoft Deutschland
Cornelia Schneider-Pungs, Microsoft Deutschland

Denn viele langjährige Kooperationspartner sind mittlerweile enttäuscht und verärgert. EdTech-Firmen und -Dienstleister beschweren sich offen über mangelnde Unterstützung von Microsoft, gestrichene Marketing-Budgets sowie die schlechte Kommunikation. Viele davon stellen sich die Frage, wie viel dem US-Konzern der Bildungsbereich eigentlich noch wert ist.


Frust in der Lehrer-Community

Offenbar wenig, wie weitere Indizien nahelegen. So finden zum Beispiel die einstigen weltweiten EDU-Events längst nicht mehr statt – trotz überwundener Pandemie. Der monatliche Education-Newsletter mit Tipps und Fortbildungsterminen wurde ausgesetzt. Auch die eh schon überschaubare Lehrer-Community liegt quasi brach und wird seit Monaten kaum noch bespielt.

Dabei wurden erst im vergangenen Sommer wieder einige verbliebene Lehrkräfte als MIE Expert (Microsoft Innovative Education Expert) ausgezeichnet. Die wiederum beschäftigen sich in ihren aktuellen Kommentaren bei Microsoft Teams gerade nur mit diesem einen Thema – hier anonymisiert zitiert:

„Warum ist hier eigentlich nichts mehr los?“

„Ich vermute mal, KI hat diese Community lahmgelegt. Wir sind halt nicht mehr so wichtig.“

„Vielleicht ist es auch einfach so, dass Microsoft wenig Interesse an einem ‚Markt‘ hat, der sich nicht weiterentwickeln möchte … (siehe Datenschutzdiskussion, siehe ewiges Hin und Her …)“

„Schon irgendwie ärgerlich, wo wir […] endlich so weit sind, dass wir Microsoft 365 einsetzen können … doch Bildung in Deutschland ist eben kein Zukunftsprojekt … sehr schade!“

Auf diese Kommentare hat bislang niemand von Microsoft reagiert. Auch darüber hinaus gab es bislang keine offizielle Stellungnahme dazu, warum die Community und der gesamte Bildungsbereich so massiv vernachlässigt werden.

„Wir haben unseren Schwerpunkt verlagert.“

Deshalb habe ich als Moderator auf der didacta in Köln die Chance ergriffen und Cornelia Schneider-Pungs nach ihrem Vortrag live auf der Bühne gefragt:

„Inwiefern spielt Bildung für Euch bei Microsoft noch eine Rolle?“

Vortrag von Microsoft auf der didacta 2024
Vortrag von Microsoft auf der didacta 2024

Damit ich ihre Antwort nicht falsch interpretiere, gebe ich sie hier als Transkript im geglätteten Wortlaut wieder:

„Wir haben unseren Schwerpunkt verlagert: Früher haben wir sehr viel in Marketing und Training investiert, haben Stände und Veranstaltungen gemacht. Würden wir alles super-gerne, aber wir müssen auch ein bisschen unseren Leisten treu bleiben.

Wir sind immer stärker in diesen Bereich Entwicklung gegangen. Wir investieren total viel in diese Innovationen und natürlich aktuell auch – dem geschuldet – in Hardware. Das wirkt sich eben so aus, dass an anderer Stelle gekürzt wird.

Wir bemühen uns aber, durch kostenfreie Lösungen, die wir den Leuten zur Verfügung stellen, trotzdem einen Mehrwert zu bieten.

Natürlich ist unser Commitment für den Bildungsbereich ungebrochen, wie man eben auch daran sieht, dass man da total rein-powert in die Entwicklung.“

Ich habe direkt nachgefragt, ob Microsoft mit Cloud und KI für den Profibereich einfach mehr Geld macht als im Bildungsbereich. So hat Cornelia Schneider-Pungs geantwortet:

„Das kann man nicht so sagen. Der Bildungsbereich hat unfassbar viele Nutzer. Das muss man sich einfach klarmachen.

Ich glaube, diese Geschichte, dass Schülerinnen und Schüler dann künftig Nutzer und Kunden sind, die stimmt nur zum Teil. Da haben wir inzwischen Studien gesehen, dass das so nicht ist.

Das bedeutet im Prinzip: Man kann nicht einfach davon ausgehen, dass die später ihr Business mit Microsoft aufbauen werden. Das ist ganz klar nicht das Interesse.

Es ist eher das Interesse an überhaupt einer allgemeinen, breiten Digitalkompetenz. Und natürlich kann man sagen: Wenn wir kostenfreie Lösungen für Bildung zur Verfügung stellen, ist das ein indirektes Marketing, na klar.“


Investition in KI-Weiterbildung – auch für Schulen?

Ich habe Cornelia Schneider-Pungs auch auf die Top-Meldung der vergangenen Woche angesprochen: Microsoft will ja nun 3,2 Milliarden Euro in Deutschland investieren, unter anderem für Weiterbildungen im Bereich Künstliche Intelligenz.

Ich wollte auf der didacta in Köln also noch wissen, inwiefern denn dabei wenigstens unsere Schulen, Hochschulen und Bildungseinrichtungen mitgedacht sind:

„Ich kann jetzt noch nicht genau sagen, welche dabei sein werden. Das wissen wir selber zum Teil auch noch nicht. Aber es gibt auf jeden Fall einen großen Batzen auch an Bildungsinstitutionen, die da teilhaben können, und ich bin mir sicher: Da ist auch noch Bewegung drin.

Grundsätzlich ist es so, dass das Thema Mittelstand besonders im Fokus steht. Das sind natürlich die, die im Moment am meisten auch diesen Bedarf haben, da fortgebildet zu werden. Ich sehe das immer so: Schulen und Universitäten und Mittelstand sind alles kleine Organisationen, die nicht zentral organisiert sind. Die haben eigentlich alle das gleiche Thema.“

Nachfrage von mir: „Also kein klares Bekenntnis jetzt erstmal dazu, dass das Geld auch in Schulen und Hochschulen fließen wird?“

Antwort von Cornelia Schneider-Pungs:

„Es wird auf jeden Fall Bildungsinstitutionen auch darin geben, ja. Aber wie viele und wer? Stand heute: Keine Ahnung.“

Meine Frage an Euch: Wie bewertet Ihr die aktuellen Aussagen von Microsoft? Wie nehmt Ihr das Engagement im Bildungsbereich zurzeit wahr? Habt Ihr Verständnis dafür, dass der Fokus jetzt auf KI im Mittelstand liegen soll? Ich freue mich wie immer über meinungsstarke Kommentare unter diesem Artikel!

2 Gedanken zu „Reaktion von Microsoft: Schwerpunkt auf KI statt Bildung?“

  1. Microsoft hätte mit 365 bzw. Teams und OneNote ein tolles Paket, dass viele, auch unsere Schule, gerne und gewinnbringend genutzt haben. Leider war MS nicht bereit, anhaltende Datenschutzbedenken durch entsprechende Anpassungen ( u. a. Serverstandorte) auszuräumen. Folge: die Dachaufwandsträger ziehen sich zurück, Lizenzen werden nicht mehr verlängert und hier in Bayern wird jetzt ByCS bzw. mebis Einzug finden, obwohl die Usability deutlich schlechter ist. MS hat den Schul-/ Bildungsmarkt nie verstanden. Auch die wirtschaftliche Bedeutung, sich tausende Schülerinnen und Schüler als kündtige User und Käufer heranzuziehen, würde verkannt. Apple ist hier wesentlich smarter.

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  2. Ich war vor ein paar Jahren vor Corona auf der didacta und wollte das Thema VR für Schulen ausloten. Es war recht ernüchternd, welches Desinteresse mir entgegenschlug. Das Fraunhofer-Institut hatte Schulungsangebote für Lehrkräfte im Angebot für Roberta. Die wenigen Plätze wurden auch nicht wirklich angenommen.

    Für Schülerinnen und Schüler gibt es in der EU ein Code Week Projekt. https://codeweek.eu/events Aus Deutschland ein NICHTS an Teilnahme im Vergleich zu den Ländern am Mittelmeer.

    Warum sollte ein Unternehmen Geld in die Hand nehmen für einen Berufsstand, der augenscheinlich in der Kreidezeit leben möchte? Warum?

    Ca. 2003 habe ich an einer E-Learning-Plattform mitgearbeitet und war unter Corona erschrocken, wie wenig von dieser Technologie an den Schulen eingeführt war. EIN NICHTS. 20 Jahre verpennt. Noch nicht mal Internet-Anschluss war (ist?) in den Schulen vorhanden gewesen.

    Unter Covid wurden dann im Förderprogramme aufgelegt. hüst.

    Hunderte deutscher Schulen sitzen auf ungenutzten Firewalls
    https://www.golem.de/news/elektroschrott-hunderte-deutscher-schulen-sitzen-auf-ungenutzten-firewalls-2402-182195.html

    Tausende Schul-Tablets bleiben uneingerichtet liegen
    https://www.golem.de/news/digitalisierung-tausende-schul-tablets-bleiben-uneingerichtet-liegen-2310-178900.html

    Vor wenigen Wochen hat das Land NRW die ersten 3000 VR-Brillen erhalten. Das ganze Bundesland hat jetzt für alle Schülerinnen und Schüler doch so viele VR-Brillen …

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